Im Heimspiel gegen Fulda wollte der SK Turm Bad Hersfeld unbedingt seine weiße Weste bewahren. Bislang hatten die Türme alle Mannschaftskämpfe gewonnen und wollten auf keinen Fall verlieren, um den Aufstieg weiterhin in der eigenen Hand zu behalten. Gegen den Erzrivalen aus der Domstadt sind die Begegnungen jedoch traditionell eng. Für Fulda ging es tabellarisch „nur“ noch um einen Platz im Mittelfeld, doch sie traten mit vielen Stammspielern an und nahmen die Begegnung entsprechend ernst.
Den Auftakt bildeten zwei frühe Remis von Bernd Schnitzlein und Bernd Wildner. In beiden Partien wurde die Englische Eröffnung diskutiert und nach ruhigem Verlauf einigte man sich auf eine Punkteteilung.
Zu diesem Zeitpunkt sah der Kampf vielversprechend aus. An Brett 4 hatte Fulda im Angriff zwei Figuren geopfert. Bei umsichtiger Verteidigung sollte dieser Angriff jedoch eigentlich nicht durchschlagen. In der Diagrammstellung folgte 1… Lxh3 2. axb Lxg2 3. Sxg2
Verteidigen ist jedoch bekanntlich schwieriger als angreifen – ein einziger Fehlgriff kann genügen. Diese Weisheit bewahrheitete sich leider auch in diesem Fall: Eckhard Krauße griff fehl und zog Lf3, worauf nach Dh3 ein Mattangriff unvermeidbar wurde. Am einfachsten wäre vermutlich f3 gewesen, um die Stellung zusammenzuhalten.
Auch Manfred Willich hatte eine aussichtsreiche Stellung erreicht. Er hatte die Dame gegen zwei Türme getauscht. In solchen Stellungen ist es typisch, dass die Dame Schwierigkeiten hat, alle Bauern gegen die beiden Türme zu verteidigen. In Zeitnot übersah er jedoch einen Springerangriff und musste sich von einem seiner Türme verabschieden. Plötzlich lag Bad Hersfeld mit 1:3 zurück.
Im Anschluss ging es in mehreren Partien Richtung Zeitnot und Zug 40. An Brett 1 hatte Markus Schmidt die Eröffnung ungenau behandelt und stand zunächst schwierig. Er entschied sich, den Bauern auf a6 zu opfern und dafür einen kompromisslosen Angriff zu starten.
Objektiv ist dieser Angriff eigentlich zu langsam, da Schwarz beispielsweise direkt mit dem Vormarsch des a-Bauern Gegenspiel bekommen kann. Doch auch hier zeigte sich wieder, wie schwierig Verteidigen in der Praxis ist. Nachdem mutig alle Bauern vor dem eigenen König nach vorne geworfen wurden, schlug der Angriff schließlich durch – und Weiß fand keinen ausreichenden Schutz mehr.
Aus den letzten drei Partien mussten nun zwingend zwei Punkte geholt werden, um die Tabellenführung zu verteidigen. Jona hatte eine Bilderbuchpartie in der Karlsbader Struktur gespielt und sich eine dominierende Stellung erarbeitet. Doch gut zu stehen allein reicht im Schach oft nicht – der Weg zum Gewinn ist häufig komplizierter als gedacht. Es gab einige konkrete Gewinnmöglichkeiten, die jedoch schwer zu finden waren. Hier wäre beispielsweise f3 sehr stark gewesen, u.a mit der Idee Tg6 und Dd7, wonach kaum etwas gegen das Damenopfer auf h3 zu unternehmen ist!
In der Zeitnotphase konnte sich der Gegner aus Fulda durch Abtäusche befreien und in ein Turmendspiel abwickeln, in dem plötzlich sogar Weiß die besseren Chancen bekam. Der richtige Verteidigungsweg wäre Tb1 gewesen.
Das Endspiel war jedoch extrem schwer zu halten und schließlich konnte Fulda auf 4:2 davonziehen.
Die letzten beiden Partien mussten also gewonnen werden – allerdings wiesen beide Stellungen eine sehr hohe Remistendenz auf. An Brett 3 hatte Jörg Günther nach einer kleinen Ungenauigkeit in der Eröffnung etwas Raumnachteil, verteidigte jedoch umsichtig und erreichte ein ausgeglichenes Endspiel. Sein Gegner besaß einen etwas deplatzierten Läufer, doch die Stellung hatte weiterhin eine hohe Remisbreite. Dann zeigte der Fuldaer jedoch Nerven und wickelte in ein Läuferendspiel ab, in dem Weiß plötzlich aufpassen musste, auch wenn die Stellung objektiv remis war. Er wählte den falschen Verteidigungsplan und fand sich auf einmal in einer verlorenen Stellung wieder. Die Aufstiegshoffnung lebte wieder!
Damit lag es – wie bereits im Kampf gegen Alsfeld – erneut an Jörk Kruse, die entscheidende Partie zu gewinnen. Gegen seinen starken und routinierten Gegner stand lange Zeit ein ausgeglichenes Endspiel auf dem Brett, in dem keine Seite wirkliche Fortschritte erzielen konnte.
Dann entschied sich Weiß jedoch für eine fragwürdige Springerwanderung, wodurch Schwarz zumindest die Möglichkeit zu einem Bauern-Durchbruch erhielt.
Weiß fand anschließend nicht mehr die beste Verteidigung (hier folgte Kb1) und plötzlich ergaben sich für Schwarz reale Gewinnchancen.
Am Ende nutzte Jörk Kruse seinen Vorteil souverän und stellte den 4:4-Ausgleich her.
Nach nervenaufreibendem Verlauf ist es der erste abgegebene Mannschaftspunkt der Saison – einer, der sich trotzdem fast wie ein Sieg anfühlt. Die Türme haben weiterhin alle Chancen in der eigenen Hand. Der nächste Kampf gegen BSA wird allerdings mindestens genauso schwer wie dieser.
