Zweimal 3:5, zweimal gut mitgehalten und trotzdem leer ausgegangen: So hatte sich die erste Mannschaft den Saisonstart nicht vorgestellt. Und dann reisten zur dritten Runde ausgerechnet die SF Schöneck an – mit zwei Siegen aus zwei Kämpfen im Gepäck und im Schnitt rund 70 Wertungspunkten mehr pro Brett. Die Rollen waren also klar verteilt. Dachte man.
Fünfeinhalb Stunden später stand ein 4,5:3,5 für den SK Turm Bad Hersfeld auf dem Spielbericht. Der erste Saisonsieg, erkämpft von einer Mannschaft, die sich in jede Stellung festgebissen hat.
Los geht es an Brett 6: Jona Rößing spielte mit Weiß gegen Abdussamed Arslan. Schon in der Eröffnung hätte ein frühes Figurenopfer die Partie sofort entscheiden können, aber auch ohne das behielt Jona ordentlich Druck am Königsflügel. Nach 13.Dh3! nahm Schwarz im 14. Zug mit dem Springer auf f6 zurück – mit dem Turm (14…Txf6) wäre alles in Ordnung gewesen.
Rößing – Arslan (Brett 6), nach 14…Sxf6 – Weiß am Zug
Weiß am Zug – wer findet den Treffer?
15.Lc5! – ein lupenreiner Spieß. Dame e7 und Turm f8 stehen auf derselben Diagonale, und nach 15…Dc7 16.Lxf8 war die Qualität im Kasten.
Kampflos ergab sich Arslan aber nicht. Er schnappte sich auf f4 einen Bauern und suchte mit dem Springer Gegenspiel am weißen König. Nach 20…Sh3+ 21.Kg2! Sg5 entstand diese Stellung:
Rößing – Arslan (Brett 6), nach 21…Sg5 – Weiß am Zug
22.Df6 sieht nach Angriff aus, doch nach 22…Le7 23.Df2 e5 wäre Schwarz plötzlich obenauf. Jona blieb ruhig, spielte 22.De3! und behielt alles unter Kontrolle. Mit 23…b6? (zäher war 23…Sce5) lud Schwarz dann zum Durchbruch ein.
Rößing – Arslan (Brett 6), nach 23…b6 – Weiß am Zug
Weiß am Zug – wie geht es weiter?
24.cxd5! exd5 25.De8+ – die Dame bricht über die geöffnete e-Linie ein, und Arslan gab auf. Ein voller Punkt für die Türme.
An Brett 1 traf Markus Schmidt mit Schwarz auf Thomas Heinatz, und das war keine Partie für schwache Nerven. Nach 14…Td8?! (genauer war 14…Lb7) und 15.Te1! hatte Weiß auf einmal mehr als nur Initiative.
Heinatz – Schmidt (Brett 1), nach 15…Lf6 – Weiß am Zug
Weiß am Zug – wie hätte Weiß zuschlagen können?
16.Sg5! hätte gewonnen: Der Springer zielt auf h7, und nach 16…g6 17.Df3 Lxg5 18.Lxg5 hängen beide schwarzen Türme – der Ta8 auf der langen Diagonale, der Td8 vor dem Läufer. Heinatz entschied sich für 16.Lb4?, Markus antwortete mit 16…Dc7!, und das Gleichgewicht war wiederhergestellt. Ab jetzt hatte Schwarz das Kommando, und nach 17…Sc6! wuchs der Druck auf die weißen Zentrumsbauern.
Heinatz – Schmidt (Brett 1), nach 21.Ted1 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug. Der Bauer d4 ist einmal zu oft angegriffen: 21…Sxd4! kassierte ihn, und nach 22.Lf1 e5 23.Lxd4 exd4 hatte Schwarz das Läuferpaar und einen gedeckten Freibauern. Was folgte, war Schwarz in Reinform: Die Läufer zielten auf den weißen König, die h-Linie wurde geöffnet, und mit 41…Dxa3 wanderte der nächste Bauer ins schwarze Lager.
Heinatz – Schmidt (Brett 1), nach 44.Db8 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug. Weiß greift den Läufer d8 an – retten oder ignorieren?
44…Ta2! Der Läufer ist egal, denn jetzt hängt der Springer f2 doppelt, und der weiße König steht im Kreuzfeuer. Nach 45.Kg3 war die Partie bald entschieden – ein ganz wichtiger Punkt am Spitzenbrett.
Die verrückteste Partie des Tages lieferte Jörk Günther an Brett 5. Mit Schwarz gegen Matthias Weiss lag er früh einen Bauern zurück, und Weiss baute am Königsflügel ordentlich Druck auf.
Weiss – Günther (Brett 5), nach 31.f5 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug – der Springer g6 wird angegriffen. Was tun?
Richtig war der Rückzug 31…Sh8!, und Schwarz steht sicher. Jörk wählte mit 31…e4 den Gegenangriff auf den Springer f3, doch Weiß schlug einfach zuerst: Nach 32.fxg6! hxg6 33.Dh6+ stand Weiß auf Gewinn.
Weiss – Günther (Brett 5), nach 34…d4 – Weiß am Zug
Weiß am Zug. Mit 35.b4! – Druck auf c5, und im Hintergrund lauert Lb3+ – hätte Weiss den Vorteil festhalten können. Stattdessen kam 35.Df4??, und nach 35…Te5! drehte sich die Partie komplett: Plötzlich droht …g5, und der Springer h4 steht am Rand im Abseits. Nach 36.Dc1 Th8 37.cxd4 cxd4 ergab sich diese Stellung:
Weiss – Günther (Brett 5), nach 38.Ld1 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug – Zeit für die Pointe!
38…Txh4! 39.gxh4 Tf5+ 40.Kg1 – der Verteidiger ist weg, und der schwarze Turm steht mit Schach auf der f-Linie. Nach 40…Da7 hätte sich Weiß mit 41.Ta2! noch einmal retten können, doch es kam 41.b4?.
Weiss – Günther (Brett 5), nach 41.b4 – Schwarz am Zug
41…d3+! Abzugsschach – die Dame auf a7 feuert über die ganze Diagonale bis g1. Nach 42.Dc5 Txc5 43.bxc5 Dxc5+ 44.Kf1 Df5+ war der weiße König nicht mehr zu retten. Ein echter Krimi mit glücklichem Ende für die Türme.
An den übrigen Brettern erkämpften Bernd Wildner (Brett 3) gegen den nominell deutlich stärkeren Dr. Axel Lömker und Manfred Willich (Brett 8) gegen David Vonbirn Cabrero jeweils ein Remis. Eckhard Krauße (Brett 2) gegen Kai-Christian Meyer und Bernd Schnitzlein (Brett 7) gegen Wolfgang Seifried mussten sich dagegen gegen zwei wertungsstarke Gegner geschlagen geben.
Bleibt der Marathon an Brett 4: Jörg Kruse spielte mit Weiß gegen Achim Müller satte 85 Züge – mit mehr Wendungen als ein Sonntagabend-Tatort.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 25…f5 – Weiß am Zug
Weiß am Zug – die schwarze Königsstellung hat Löcher. Wer findet den Hieb?
26.Lxf5! hätte hier bereits gewonnen: Nach 26…gxf5 springen die weißen Springer über f5 hinein, und nach 26…f6 27.Lh3 hat Weiß einen gesunden Bauern mehr und die bessere Stellung. Jörg spielte 26.Dg2 und behielt einen kleinen Vorteil. Richtig wild wurde es dann im 45. Zug.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 46…Da5 – Weiß am Zug
Weiß am Zug. Mit 45…Da6? und 46…Da5? hatte Schwarz die Tür geöffnet: 47.hxg6! reißt die Königsstellung auf, und nach 47…Lf8 48.Sxc4! dxc4 49.gxf7+ Txf7 50.Dxc4 kommt die weiße Dame mit Wucht ins Spiel. Es folgte 47.Dc1, und auch nach 47…Ta7? hätte 48.cxb4! noch einmal gewonnen. Im Eifer des Gefechts blieben beide Chancen ungenutzt, und mit 51…Txc3 holte sich Schwarz sogar einen Bauern.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 56.Sh2 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug. Hier hätte 56…Le1+! 57.Kg2 Dd2+ 58.Dxd2 Lxd2 für Schwarz gewonnen. Nach 56…La4?! griff Jörg mit 57.Dxa4! zum Damentausch und rettete sich in ein Endspiel mit einem Bauern weniger. Dort ging es munter weiter.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 68.Kd3 – Schwarz am Zug
Schwarz am Zug. Nach 68.Kd3 hätte 68…Lxh6! 69.Th2 c2 70.Txc2 Txc2 71.Kxc2 g5 den schwarzen Bauern freie Bahn verschafft. Müller spielte 68…Lb4, und zwei Züge später folgte 70…Lxe5? (70…Lf8! hielt die Balance). Nach 71.dxe5+ war der Freibauer auf e5 ein Riese, und plötzlich stand Weiß auf Gewinn.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 72…Ke7 – Weiß am Zug
Weiß am Zug. 73.Ta8! mit der Idee Th8 wäre der Schlüssel gewesen. Nach 73.Ta3 fand Schwarz mit 73…g5! rechtzeitig Gegenspiel. Doch das Pendel schlug noch einmal aus: Statt 77…f4 kam 77…Ta3+?, und nach 78.Ke2! f4 79.exf4+ Kxf4 lag die nächste Gelegenheit auf dem Brett.
Kruse – Müller (Brett 4), nach 79…Kxf4 – Weiß am Zug
Weiß am Zug – wie gewinnt Weiß?
80.g6! Ta2+ 81.Kd3 Ta3+ 82.Kd4 hxg6 83.h7, und der h-Bauer ist nicht mehr aufzuhalten. Nach 80.Tg8 fand Schwarz den Weg ins Remis, und mit 85.Txd5+ endete der Marathon mit einer Punkteteilung. Ein halber Punkt, der am Ende Gold wert war.
Mit dem 4,5:3,5 klettern die Türme auf Platz 6 und haben nun 2:4 Mannschaftspunkte auf dem Konto. Nach zwei starken Auftritten ohne Ertrag ist dieser Sieg die verdiente Belohnung für viel Kampfgeist – und der Klassenerhalt ist wieder ein realistisches Ziel. Am 8. November geht es zu Hause gegen den SK Niederbrechen weiter, der aktuell mit 4:2 Punkten Fünfter ist.
Die Partien zum Nachspielen
Wer die Partien in Ruhe nachspielen möchte, kann das hier tun – inklusive der verpassten Chancen als Varianten.
Rößing – Arslan (Brett 6): die Partie ab dem 13. Zug zum Durchklicken
Heinatz – Schmidt (Brett 1): die Partie ab dem 14. Zug zum Durchklicken
Weiss – Günther (Brett 5): die Partie ab dem 27. Zug zum Durchklicken
Kruse – Müller (Brett 4): die Partie ab dem 25. Zug zum Durchklicken
Ergebnisse und Tabellen
Alle Ergebnisse und Tabellen gibt es auf nuLiga:
