FIDE Weltcup 2026 (U10) mit SK Turm Beteiligung

Nach der Weltmeisterschaft 2024 bekam Wilhelm in diesem Jahr erneut die Gelegenheit, unter der Flagge des Deutschen Schachbundes international zu spielen. Mitte Juni begann das Abenteuer FIDE Weltcup in Batumi, Schwarzmeermetropole der Schachnation Georgiens. Wilhelm startete dort als eines von vier deutschen U10 Kindern der insgesamt 22 Spieler und Spielerinnen umfassenden deutschen Delegation.

Foto: Marco Schröder

Zu spielen waren elf Runden im Zeitraum vom 15. bis 28. Juni. Ein langes Turnier – nicht nur für jugendliche Schachspieler. Wilhelm startete auf Platz 88 der Setzliste ins Turnier, mit dem Ziel, in einem häufig durch unterbewertete Spieler geprägten internationalen Umfeld, die Top 100 zu erreichen.

Zum Auftakt musste Wilhelm gegen den 7. Platzierten der WM 2025 ans Brett. Dabei musste er sich zunächst auf das ungewohnte Zeitformat – ohne Inkrement nach Zug 40 – einstellen, spielte aus der Eröffnung heraus etwas zu langsam, und konnte den Favoriten folgerichtig nicht zu Fall bringen.

Bereits in Runde zwei konnte er dann jedoch den ersten Sieg gegen den nominierten Vertreter Katars – Abdulaziz Al Mahasna – einfahren. Wilhelm überzeugte in dieser Partie sogar Stockfish. 51 Züge ohne einen einzigen Fehler oder auch nur eine Ungenauigkeit bei 99% Präzision. Eine perfekte Partie zum Saisonhöhepunkt, die im folgenden Turnierverlauf für das nötige Selbstvertrauen sorgen sollte.

Foto: Marco Schröder

Es folgte eine Niederlage gegen den Jugendstar des Vancouver Chess Clubs – Karson Lu, ein Remis gegen den unter Fide Flagge startenden Bogdan Loginov bevor Wilhelm in Runde 5 gegen die Nummer eins aus Taiwan zeigen konnte, das Willenskraft, Kampfgeist und Überzeugung eine Schachpartie drehen und entscheiden können.

Wilhelm ist mit Weiß am Zug und hat fast eine Stunde mehr auf der Uhr. Yun-Cheng Lai war früh aus der Theorie und hat dennoch zu diesem Zeitpunkt beeindruckende 21 Züge ohne Fehler und auch ohne Ungenauigkeit aufs Brett gezaubert. Die schwarzen Figuren stehen gut und fokussieren bereits den weißen Doppelbauern auf der c-Linie bzw. den weit vorgerückten weißen e-Bauern. Nach 22. Td2 d6 23. exd6 Txd6 24. a5 Txd2 25. Sxd2 b5 26. cxb5 cxb5 27. h3 Te1+ droht Wilhelms Stellung zusammen zu brechen.

Allerdings weiß Wilhelm, dass mit Blick auf die Uhr seines Gegners (10 Minuten, zzgl. 30 Sekunden pro Zug) die Partie durchaus noch nicht verloren ist. Er muss schwierige Fragen finden und stellen, um den Zeitnachteil seines Gegners in fehlerhafte oder zumindest ungenaue Züge zu verwandeln. Nach 28. Kh2 Te2 29. Dd5 Txf2 30. Dd4 spielt Yun-Cheng 30. … Tf6 – vermutlich mit der Idee, die Stellung mit Mehrbauern zu stabilisieren und das Mehrmaterial zu verwerten. Dynamisch hat Wilhelm damit allerdings bereits fast wieder Ausgleich und beginnt druckvoll auf Gewinn zu spielen. Nach 31. Se4 Tg6 32. Dc5 Db8 33. Tb3 Se6 34. Df2 Dc7 35. Tb2 h6 36. Td2 Sf8 bietet Wilhelm mit 37. Dc5! den Abtausch der Damen an.

Wilhelm versteht in diesem Moment, dass die Dynamik der weißen Leichtfiguren und sein aktiver Turm den Minusbauern deutlich überkompensieren. Gleichzeitig ist die Versuchung für seinen Gegner, den Abtausch anzunehmen, mit Blick auf den schwarzen Zeitnachteil immens. Wenn Schwarz 37. … Dxa5! findet und sich einen zweiten Mehrbauern sichert, ist die Stellung ausgeglichen, doch das bedarf Mut und vor allem Zeit, die Yun-Cheng an dieser Stelle fehlt. Seine Uhr zeigt bereits nur noch zwei Minuten und tickt unaufhaltsam. Nach kurzem Überlegen wird klar: Wilhelms Strategie geht auf! Yun-Cheng nimmt den Abtausch an und kann in der Folge dem dynamischen weißen Spiel nichts mehr entgegen setzen. Auch mit mehr Zeit auf der Uhr wäre diese Stellung für Schwarz verloren. (Hier geht’s zur gesamten Partie.) Wilhelm steht nach dieser Willensleistung bei 50% und kann diese nach einem Remis gegen den gemäß FIDE Rangliste stärksten U10 Spieler Schwedens Minh Thuc Le Doan sogar über Runde 6 in den Ruhetag verteidigen.

Foto: Marco Schröder

Auch in der zweiten Turnierhälfte hält Wilhelm das schachliche Niveau hoch. Runde 7 verliert er zwar unglücklich, Runde 8 verwandelt er jedoch zu einem eindrucksvollen Beispiel der Komplexität von Turmendspielen. Der Weg zum Sieg gegen den Georgier Kvirike Lev Abramishvili ist lang und mit zahlreichen Fallstricken gespickt. Wilhelms Gegner verteidigt sich – mit Weiß spielend – zäh und stellt immer wieder anspruchsvolle Fragen und technische Fallen. Nach über vier Stunden dann der Schlüsselmoment mit Schwarz am Zug.

An dieser Stelle gewinnt eben nur ein einziger, der vielen erfolgsversprechend anmutenden Züge. Wilhelm ist vom langen Kampf erschöpft, zwingt sich aber, immer wieder genau zu rechnen. Auch in diesem Moment behält er mit 10 Minuten auf der Uhr die Ruhe, versteht die Unterschiede zwischen seinen Handlungsmöglichkeiten und findet 43. … Tb4!. Andere Züge bspw. 43. … Tc2 oder Tc5 gewinnen eben nicht. Im Falle von Tc2 aufgrund des möglichen Bodychecks des weißen Königs nach Abtausch der Türme sowie des e- gegen den a-Bauern. Diese Motive kann man am Ende einer langen Partie schnell übersehen. Wilhelm jedoch spielt unter Druck auch die weiteren knapp 20 Züge präzise und sichert sich den ganzen Punkt. Mit Blick auf den gesamten Weltcup bleibt er mit Schwarz ungeschlagen und holt 70% der Punkte aus den 5 Runden als Nachziehender. Zur gesamten Partie der Runde 8 geht es hier.

Nach einer Niederlage in Runde 9 erwischt Wilhelm in Runde 10 in gewonnener Stellung ein Infekt. Er hält die Stellung gesundheitlich angeschlagen zumindest Remis und spielt auch in der letzten Runde – im Anschluss an eine sehr kurze Nacht – ein schnelles Remis. Für eine lange Partie hätten Fitness und Energie an diesem Tag nicht gereicht.

Auch wenn somit ein richtiger „Endspurt“ nicht möglich war, bestätigt Wilhelm mit seiner Endplatzierung seine Setzliste und erreicht sein zu Beginn gestecktes ZielTop 100 der Welt!

Allerdings ist das Ergebnis an dieser Stelle nicht das einzig Wesentliche. Wilhelm konnte beim Weltcup 2026 erneut viel Lernen, Verstehen und insbesondere Erfahrung im wahrscheinlich anspruchsvollsten Teilnehmerfeld seiner Altersklasse sammeln. Aus einigen der „harten Gegner“ wurden nach den Partien Bekanntschaften und mit Blick in die Zukunft vielleicht auch Freundschaften. Die Kinder teilen zwar nicht die gleiche Sprache aber eine gemeinsame Leidenschaft, die sie auch nach dem Turnier gemeinsam ausleben konnten. Der Flughafen Batumis wurde so von den Kids bis tief in die Nacht zum verlängerten Turniersaal umfunktioniert. Schach verbindet!

Foto: Marco Schröder